* Krieg ist Frieden =============================================================================== Von Arundhati Roy Die Welt muss sich nicht zwischen den Taliban und der amerikanischen Regierung entscheiden. Ihre ganze Schönheit - Literatur, Musik, Kunst - liegt jenseits dieser fundamentalistischen Pole Als am Sonntag, dem 7. Oktober 2001, über Afghanistan die Nacht hereinbrach, führte die US-Regierung, unterstützt von der internationalen Anti-Terror- Koalition (dem neuen, fügsameren Ersatz für die Vereinten Nationen), Luftangriffe gegen Afghanistan. Die Fernsehsender zelebrierten computeranimierte Bilder von Cruise-Missiles, Stealth-Bombern, Tomahawks, «Bunkerknackern» und Mark-82-High-Drag-Bomben. Kleine Jungen in aller Welt glotzten begeistert und vergassen vorübergehend, nach neuen Videospielen zu schreien. Die auf ein wirkungsloses Kürzel zusammengeschnurrte UN wurde gar nicht erst um ein Mandat für die Luftangriffe gebeten. (Wie Madeleine Albright sich einmal ausdrückte: «Die Vereinigten Staaten agieren multilateral, wenn sie können, und unilateral, wenn sie müssen.») Die gegen die Terroristen sprechenden «Beweise» erörterte man innerhalb der «Koalition» unter Freunden. Danach verkündete man, es spiele keine Rolle, ob diese «Beweise» vor einem Gericht standhalten würden. So wurden jahrhunderte alte Grundsätze der Rechtsprechung im Nu für nichtig erklärt. Es gibt keine Entschuldigung oder Rechtfertigung für einen terroristischen Akt, egal, ob dieser von religiösen Fundamentalisten, von Privatmilizen, von aus dem Volk gewachsenen Widerstandsbewegungen begangen wird - oder als Vergeltungskrieg getarnt von einer anerkannten Regierung. Die Bombardierung Afghanistans ist nicht Vergeltung für New York oder Washington. Sie ist vielmehr ein weiterer Terrorakt gegen die Menschen dieser Welt. Jeder Unschuldige, der dabei getötet wird, muss zur grässlichen Zahl der in New York und Washington gestorbenen Zivilisten dazugezählt, nicht gegen sie aufgerechnet werden. Kriege werden selten von Menschen gewonnen, selten von Regierungen verloren. Menschen werden getötet. Regierungen häuten sich, bilden sich um, abgeschnittene Köpfe wachsen wie bei der Hydra doppelt nach. Sie verwenden Flaggen, zuerst um damit die Köpfe der Menschen luftdicht einzuwickeln und jeden vernünftigen Gedanken zu ersticken, danach als zeremonielle Leichentücher, um zu verdecken, wie übel die Toten zugerichtet worden sind. Auf beiden Seiten, in Afghanistan wie in den Vereinigten Staaten, sind die Zivilbevölkerungen zu Geiseln der Taten ihrer Regierungen geworden. Ohne dass sie es wüssten, haben die gewöhnlichen Menschen in beiden Ländern eines gemeinsam: Beide müssen sie mit dem Phänomen blinden, unberechenbaren Terrors leben. Jeder auf Afghanistan abgeworfenen Bombenladung entspricht in Amerika eine Zunahme der massenhysterischen Angst vor Milzbrand, weiteren Flugzeugentführungen und anderen Terroristentaten. Es gibt keinen billigen Ausweg aus dem immer tiefer werdenden Morast von Terror und Brutalität, mit dem die Welt sich konfrontiert sieht. Es ist Zeit, dass die Menschheit innehält, sich vertieft in ihre Quellen kollektiver Weisheit, alter wie moderner. Was am 11. September geschehen ist, hat die Welt für immer verändert. «Freiheit, Fortschritt, Wohlstand, Technik, Krieg» - all diese Wörter haben neue Bedeutungen angenommen. Die Regierungen sollten dieser Verwandlung Rechnung tragen und ihre neuen Aufgaben mit einem Mindestmass an Ehrlichkeit und Bescheidenheit angehen. Doch leider sind bisher keinerlei Anzeichen für Introspektion feststellbar gewesen bei den Führern der internationalen Koalition. Oder den Taliban. Als er die Luftangriffe ankündigte, sagte Präsident George W. Bush: «Wir sind eine friedliche Nation.» Amerikas Lieblingsbotschafter, Tony Blair (der ausserdem das Amt des britischen Premierministers bekleidet), echote: «Wir sind ein friedliches Volk.» Jetzt wissen wir’s: Schweine sind Pferde. Mädchen sind Jungen. Krieg ist Frieden. Bei einer Rede einige Tage später im FBI-Hauptquartier sagte Präsident Bush: «Dies ist unsere Berufung. Dies ist die Berufung der Vereinigten Staaten von Amerika. Der am meisten freien Nation der Welt. Einer Nation, die gebaut ist auf fundamentale Werte, die Hass ablehnen, Gewalt ablehnen, Mörder ablehnen und Böses ablehnen. Wir werden nicht müde werden.» Hier ist eine Liste der Länder, welche die Vereinigten Staaten seit dem Zweiten Weltkrieg bekriegt und bombardiert haben: China (1945/46), Korea (1950-1953), Guatemala (1954, 1967-1969), Indonesien (1958), Kuba (1959/60), Belgisch-Kongo (1964), Peru (1965), Laos (1964-1973), Vietnam (1961-1973), Kambodscha (1969/70), Grenada (1983), Libyen (1986), El Salvador (achtziger Jahre), Nicaragua (achtziger Jahre), Panama (1989), Irak (1991-1999), Bosnien (1995), Sudan (1998), Jugoslawien (1999). Und jetzt Afghanistan. Sie wird in der Tat nicht müde, diese «am meisten freie Nation der Welt». Welche Freiheiten vertritt sie? Innerhalb ihrer eigenen Grenzen: Rede-, Religions- und Gedankenfreiheit; Freiheit des künstlerischen Ausdrucks, der Essgewohnheiten, der sexuellen Vorlieben (na ja, bis zu einem gewissen Grad) und vieler anderer wunderbarer Dinge. Ausserhalb ihrer Grenzen: die Freiheit, zu dominieren, zu erniedrigen und zu unterjochen - gewöhnlich im Dienst der wahren amerikanischen Religion, der «freien Marktwirtschaft». Wenn die US-Regierung also einen Krieg «Operation Unendliche Gerechtigkeit» tauft oder «Operation Anhaltende Freiheit», verspüren wir in der Dritten Welt mehr als nur ein ängstliches Zittern. Denn wir wissen, dass «Unendliche Gerechtigkeit» für die einen «Unendliche Ungerechtigkeit» gegen andere bedeutet. Und «Anhaltende Freiheit» für die einen «Anhaltende Unterjochung» anderer. Die internationale Koalition gegen den Terror ist im Wesentlichen ein Komplott der reichsten Länder der Welt. Zusammen produzieren und verkaufen sie fast alle Waffen der Welt, und sie haben das grösste Lager an Massenvernichtungswaffen - chemischen, biologischen und nuklearen. Sie haben die meisten Kriege geführt, sind in der neueren und neusten Geschichte die Hauptverantwortlichen für Genozid, Unterdrückung, ethnische Säuberungen und Verstösse gegen die Menschenrechte und haben unzählige Diktatoren und Despoten gefördert, bewaffnet und finanziert. Sie alle haben Gewalt und Krieg kultiviert, verehrt, ja fast schon zu Göttern gemacht. So grausig das Sündenregister der Taliban auch sein mag - dagegen sind sie blosse Würstchen. Die Taliban entstanden im bröckeligen Schmelztiegel aus Schutt, Heroin und Landminen als Hinterlassenschaft des Kalten Kriegs. Ihre ältesten Anführer sind gerade mal Anfang vierzig. Viele von ihnen sind entstellt und behindert, sei es, dass ihnen ein Auge, ein Arm oder ein Bein fehlt. Sie wuchsen auf in einer Gesellschaft, die vom Krieg gezeichnet und verwüstet war. Zwanzig Jahre lang pumpten die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten Waffen und Munition im Wert von 45 Milliarden Dollar nach Afghanistan. Die neusten Waffen waren der einzige Splitter Modernität in einer durch und durch mittelalterlichen Gesellschaft. Jungen, die damals - oft als Waisen - aufwuchsen, hatten Gewehre als Spielzeug, erlebten nie die Sicherheit und Geborgenheit einer Familie, die Gesellschaft von Frauen. Jetzt, als Erwachsene und Herrscher, gehen die Taliban mit den Frauen aufs brutalste um, schlagen, steinigen und vergewaltigen sie: Sie scheinen nicht zu wissen, was sonst sie mit ihnen anfangen könnten. Jahre des Kriegs haben sie aller Sanftheit beraubt, abgestumpft gegen Freundlichkeit und Mitleid. Sie tanzen zu den perkussiven Rhythmen der auf sie herabregnenden Bomben. Nun haben sie ihre Monstrosität gegen ihr eigenes Volk gewandt. Bei allem Respekt vor Präsident Bush: Nein, es ist nicht so, dass die Weltbevölkerung sich entscheiden muss zwischen den Taliban und der US-Regierung. Alle Schönheiten der menschlichen Zivilisation - unsere Kunst, unsere Musik, unsere Literatur - liegen jenseits dieser zwei fundamentalistischen, ideologischen Pole. Die Wahrscheinlichkeit, dass alle Menschen der Welt mittelständische Konsumenten werden können, ist ebenso klein wie die, dass alle sich für ein und dieselbe Religion entscheiden. Bei alledem geht es nicht um Gut gegen Böse oder Islam gegen Christentum, sondern um Raum. Es geht darum, Platz zu haben für Vielfalt, es geht darum, den Drang zur Vorherrschaft zu zügeln - jeder Art von Vorherrschaft, wirtschaftlicher, militärischer, sprachlicher, religiöser und kultureller. Jeder Ökologe wird Ihnen sagen, wie gefährlich und gefährdet eine Monokultur ist. Eine Welt, in der ein Staat die Vorherrschaft hat, ist wie eine Regierung ohne gesunde Opposition. Sie wird zu einer Art von Diktatur. Es ist, als stülpte man eine Plastiktüte über die Welt und hinderte sie am Atmen. Früher oder später wird die Tüte aufgerissen. Im zwanzig Jahre währenden Konflikt, der dem gegenwärtigen neuen Krieg vorausgegangen ist, haben anderthalb Millionen Afghaninnen und Afghanen ihr Leben verloren. Afghanistan wurde in Trümmer gelegt, und jetzt werden diese Trümmer zu Staub zermahlen. Am zweiten Tag der Luftangriffe kehrten amerikanische Piloten zu ihren Basen zurück, ohne die vorgeschriebene Bombenlast abgeworfen zu haben. Wie ein Pilot sich ausdrückte, ist Afghanistan «nicht von grosser Zieldichte». Bei einer Pressekonferenz im Pentagon wurde der amerikanische Verteidigungsminister, Donald Rumsfeld, gefragt, ob den Vereinigten Staaten die Ziele ausgingen. «Erstens werden wir gewisse Ziele mehrmals anvisieren», sagte er, «zweitens gehen nicht uns die Ziele aus, sondern Afghanistan…» Das wurde im Pressekonferenzzimmer mit Lachsalven begrüsst. Am dritten Tag der Luftangriffe brüstete sich das amerikanische Verteidigungsministerium, man habe «die Luftüberlegenheit über Afghanistan erreicht». (Wollte man damit sagen, man habe die beiden - oder sind es gar sechzehn? - afghanischen Militärflugzeuge zerstört?) Am Boden in Afghanistan befindet sich die Nordallianz - der alte Feind der Taliban und somit der neuste Freund der internationalen Koalition - im Vormarsch auf Kabul. (Der Ordnung halber sei hier festgehalten, dass die Taten der Nordallianz sich nicht grundlegend von jenen der Taliban unterscheiden. Doch da es zurzeit nicht opportun ist, wird dieses störende Detail gern vom Tisch gewischt.) Der sichtbare, gemässigte, «akzeptable» Anführer der Allianz, Ahmed Schah Masud, fiel Anfang September einem Selbstmord-Bombenattentat zum Opfer. Der Rest der Nordallianz ist ein brüchiges Bündnis brutaler Kriegsherren, Ex- Kommunisten und starrsinniger Geistlicher. Uneinheitlich, aufgespalten in verschiedene ethnische Gruppierungen, von denen manche in der afghanischen Vergangenheit auch schon mal Macht ausgeübt haben. Vor den amerikanischen Luftangriffen hatte die Nordallianz ungefähr fünf Prozent des afghanischen Gebiets unter Kontrolle. Dank der Hilfe der Koalition und der «Luftunterstützung» ist sie jetzt drauf und dran, die Taliban zu stürzen. Mittlerweile laufen Taliban-Soldaten in Erwartung einer baldigen Niederlage zur Allianz über. Die kämpfenden Truppen sind also vollauf damit beschäftigt, die Seiten und die Uniformen zu wechseln. Doch bei einem ohnehin so zynischen Unternehmen wie diesem spielt das kaum noch eine Rolle. Liebe ist Hass, Norden ist Süden, Frieden ist Krieg. Die Weltmächte sprechen derweil davon, «eine repräsentative Regierung einzusetzen». Oder aber das Königreich Afghanistan dem 87-jährigen ehemaligen König Sahir Schah «zurückzuerstatten», der seit 1973 in Rom im Exil lebt. So läuft das Spiel: Man unterstützt Saddam Hussein, dann setzt man ihn ausser Gefecht; man finanziert die Mudschahedin, dann bombardiert man sie in Grund und Boden; man setzt Sahir Schah ein und schaut, ob er brav ist. (Kann man eine repräsentative Regierung einfach so «einsetzen»? Kann man Demokratie bestellen, als stünde sie auf der Speisekarte - «einmal Demokratie mit doppelt so viel Käse und Jalapeño-Chilis»?) Allmählich sickern Berichte durch über Opfer unter der Zivilbevölkerung, entvölkerte afghanische Städte, deren Bewohner in Massen zu den Grenzen flüchten, die geschlossen worden sind. Hauptverkehrsadern sind gesprengt oder abgeriegelt worden. Leute, die in Afghanistan gearbeitet haben und sich dort auskennen, sagen, dass Anfang November Nahrungsmittelkonvois gar nicht mehr durchkommen zu den Millionen Afghanen (7,5 Millionen laut den UN), die im Lauf dieses Winters mit grosser Wahrscheinlichkeit zu verhungern drohen. Sie sagen, in den noch verbleibenden Tagen vor Wintereinbruch könne man entweder Krieg führen oder den Hungrigen Nahrungsmittel zu bringen versuchen. Doch nicht beides aufs Mal. Als Geste der Menschlichkeit hat die US-Regierung über Afghanistan 37 000 Notrationen abwerfen lassen. Wie sie sagt, sollen insgesamt 500 000 Pakete abgeworfen werden. Das würde bestenfalls eine volle Mahlzeit bedeuten für eine halbe von mehreren Millionen Menschen, die dringendst Nahrung brauchen. Angehörige von Hilfsorganisationen haben das Unternehmen als zynische, gefährliche, einzig der PR dienende Aktion verurteilt. Sie sagen, Nahrungspakete aus der Luft abzuwerfen, sei schlimmer als nutzlos. Erstens erreichten die Lebensmittel nie diejenigen, die sie wirklich brauchten. Doch viel schlimmer sei, dass diejenigen, welche die Pakete zu bergen versuchten, Gefahr liefen, von Landminen zerrissen zu werden. Ein tragischer Nahrungsmittelwettlauf. Dennoch bekamen die Nahrungspakete einen eigenen Fototermin. In den grösseren Zeitungen wurde ihr Inhalt aufgeführt. Entsprechend den muslimischen Essvorschriften (!) sei dieser vegetarisch, wurde uns mitgeteilt. Jedes gelbe, mit der amerikanischen Flagge geschmückte Paket enthielt: Reis, Erdnussbutter, Bohnensalat, Erdbeerkonfitüre, Crackers, Rosinen, Fladenbrot, einen Apfel- Fruchtriegel, Gewürze, Streichhölzer, Plastikbesteck, eine Serviette und eine illustrierte Gebrauchsanweisung. Nach drei Jahren unablässiger Dürre wurden über Jalalabad Flugzeugmahlzeiten abgeworfen! Die kulturelle Ignoranz, die vollkommene Ahnungslosigkeit, was monatelang nicht nachlassender Hunger und zermürbende Armut wirklich anrichten, und der Versuch der US-Regierung, noch dieses bittere Elend zu benutzen, um ihr Selbstbild aufzupolieren, das alles spottet jeder Beschreibung. Kehren wir das Szenario mal kurz um. Stellen wir uns vor, die Taliban-Regierung bombardiere New York und verkünde dabei die ganze Zeit, ihr eigentliches Ziel seien die US-Regierung und deren Politik. Und nehmen wir mal an, in den Bombardierungspausen würfen die Taliban ein paar tausend Pakete ab mit Nan-Brot und auf afghanische Flaggen gespiessten Kebabs. Brächten es die guten Menschen von New York je über sich, der afghanischen Regierung zu verzeihen? Sogar wenn sie hungerten, sogar wenn sie die Nahrung bräuchten, sogar wenn sie sie ässen, wie könnten sie je diese Beleidigung, diese Überheblichkeit vergessen? Der Bürgermeister von New York, Rudi Giuliani, hat die zehn Millionen Dollar, die ein saudiarabischer Prinz der Stadt schenken wollte, zurückgewiesen, weil sie begleitet waren von ein paar freundlichen Ratschlägen zur amerikanischen Nahost- Politik. Ist Stolz ein Luxus, auf den nur Reiche Anrecht haben? So rottet man den Terrorismus nicht aus: Indem man solch rasende Wut entfesselt, gibt man ihm neue Nahrung. Hass und Vergeltung gehen nicht brav in die Büchse zurück, hat man sie einmal losgelassen. Mit jedem getöteten «Terroristen» oder «Sympathisanten» werden Hunderte von Unschuldigen getötet. Und mit jedem Hundert getöteter Unschuldiger dürften mehrere zukünftige Terroristen geschaffen werden. Wohin soll das alles führen? Es sind genug Menschen getötet worden. Die intelligenten Raketen sind nicht intelligent genug. Sie lassen ganze Lagerhallen unterdrückter Wut hochgehen. Vor kurzem brüstete sich Präsident Bush: «Wenn ich loslege, dann schiesse ich keine Zwei-Millionen-Dollar-Rakete auf ein leeres Zehn-Dollar-Zelt und treffe ein Kamel in den Po. Dann passiert was Entscheidendes.» Präsident Bush müsste wissen, dass es in Afghanistan keine Ziele gibt, welche die Kosten seiner Raketen wert sind. Vielleicht sollte er zum Ausgleich des Budgets billigere Raketen entwickeln lassen für die billigeren Ziele und billigeren Leben in den armen Ländern dieser Welt. Doch das würde vom Geschäftlichen her wahrscheinlich den Waffenherstellern innerhalb der Koalition nicht so recht einleuchten. Zum Beispiel der Carlyle Group, die vom Industry Standard als «grösste ‹private equity›-Firma der Welt» bezeichnet wurde und über zwölf Milliarden Dollar verfügt. Die Carlyle Group investiert im Verteidigungssektor und verdient ihr Geld dank militärischen Konflikten und den Ausgaben für Waffen. Carlyle wird von Männern mit makellosen Referenzen geführt. Der ehemalige US- Verteidigungsminister Frank Carlucci ist Vorsitzender und Geschäftsführer von Carlyle (er war während seiner Studienzeit Zimmergenosse von Donald Rumsfeld). Weitere Gesellschafter von Carlyle sind der ehemalige US-Aussenminister James A. Baker III, George Soros, Fred Malek (der Kampagnenleiter von George Bush Sr). Eine amerikanische Zeitung, der Baltimore Chronicle and Sentinel, berichtete, der ehemalige Präsident George Bush Sr suche auf dem asiatischen Markt nach Investitionsmöglichkeiten für die Carlyle Group. Er soll beträchtliche Summen für «Präsentationen» bei als potenzielle Kunden anvisierten Regierungen bezahlt haben. Gähn. Wie lautet der müde Scherz? Es bleibt alles in der Familie. Und dann ist da noch der andere traditionelle Geschäftszweig der Familie, das Ölbusiness. Man erinnere sich: Sowohl Präsident George Bush (Jr) als auch Vizepräsident Dick Cheney verdanken ihr Vermögen der amerikanischen Ölindustrie. Turkmenistan, das an den Nordwesten Afghanistans grenzt, birgt die drittgrössten Gasreserven der Welt und Ölreserven von geschätzten sechs Milliarden Barrels. Genug, sagen die Experten, um den amerikanischen Energiebedarf der nächsten dreissig Jahre (oder den Energiebedarf eines Entwicklungslandes für die nächsten zwei Jahrhunderte) abzudecken. Die Vereinigten Staaten haben Öl immer als wesentlichen Faktor der nationalen Sicherheit betrachtet und mit allen ihnen geboten scheinenden Mitteln geschützt. Kaum jemand zweifelt daran, dass die Militärpräsenz der Vereinigten Staaten am Golf sehr wenig zu tun hat mit ihrem Engagement für die Menschenrechte und sehr viel mit ihren strategischen Interessen an Öl. Öl und Gas aus der Umgebung des Kaspischen Meers fliessen zurzeit nordwärts auf die europäischen Märkte. Geografisch und politisch sind Iran und Russland den amerikanischen Interessen sehr im Weg. 1998 sagte Dick Cheney - damals noch CEO von Halliburton, einem grossen Fisch in der Ölindustrie: «Ich kann mich nicht erinnern, wann je zuvor eine Region sich so plötzlich als strategisch wichtig erwiesen hätte wie jetzt die kaspische. Es ist fast, als seien über Nacht diese neuen Möglichkeiten aufgetaucht.» Wohl war. Mehrere Jahre lang verhandelte ein amerikanischer Ölgigant namens Unocal mit den Taliban über die Genehmigung zum Bau einer Ölpipeline durch Afghanistan nach Pakistan und weiter zum Arabischen Meer. Von hier aus erhofft sich Unocal den Zugang zu den lukrativen «emerging markets» in Süd- und Südostasien. Im Dezember 1997 reiste eine Delegation von Taliban-Mullahs in die Vereinigten Staaten und führte in Houston sogar Gespräche mit Vertretern des US-Aussenministeriums und mit Unocal-Managern. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Vorliebe der Taliban für öffentliche Hinrichtungen und ihre Behandlung afghanischer Frauen noch nicht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeprangert wie jetzt. Im Lauf der nächsten sechs Monate jedoch setzten Hunderte empörter feministischer Gruppierungen die Clinton-Regierung unter Druck. Glücklicherweise gelang es ihnen, den Deal abzuschiessen. Doch jetzt ist die grosse Chance der amerikanischen Ölindustrie gekommen. In den Vereinigten Staaten werden die Waffenindustrie, die Ölindustrie, die wichtigsten Mediennetze und in der Tat auch die amerikanische Aussenpolitik von denselben Konzernen kontrolliert. Es wäre deshalb naiv anzunehmen, dass diese Zusammenhänge von Waffen, Öl und Geschäften des Verteidigungsministeriums in den Medien je gross zur Sprache kämen. Ausserdem trifft bei einem verzweifelten und verwirrten Volk, dessen Stolz frisch verletzt ist, dessen Nächste tragisch umgekommen sind und dessen Wut frisch und heftig ist, das Geschwafel vom «Zusammenprall der Zivilisationen» und von «Gut gegen Böse» voll ins Schwarze. Diese Dummheiten werden von Regierungssprechern zynisch unter die Leute gebracht wie eine tägliche Dosis von Vitaminen oder Antidepressiva. Die regelmässige Versorgung mit solchen Medikamenten garantiert, dass die Vereinigten Staaten im Wesentlichen so rätselhaft bleiben, wie sie immer schon gewesen sind: ein sonderbar insulares Volk, das von einer Regierung geführt wird, die sich mit pathologischer Zwanghaftigkeit und Promiskuität überall einmischt. Und was ist mit uns anderen, die schon ganz betäubt sind von der über uns hereinbrechenden Flut, auch wenn wir wissen, dass es sich dabei um unsinnige Propaganda handelt? Was ist mit uns, den täglichen Konsumenten der Lügen und Brutalitäten, die, mit Erdnussbutter und Erdbeerkonfitüre beschmiert, in unsere Hirne abgeworfen werden wie jene gelben Lebensmittelpakete? Sollen wir wegschauen und essen, weil wir halt hungrig sind? Oder sollen wir dem in Afghanistan stattfindenden grausigen Schauspiel so lange unverwandt zusehen, bis es uns allen hochkommt und wir wie aus einem Munde sagen: Wir haben genug? Während das erste Jahr des neuen Millenniums seinem Ende entgegenrast, fragt man sich: Haben wir unser Recht zu träumen verwirkt? Werden wir uns je wieder eine neue Vorstellung von Schönheit machen können? Wird es je wieder möglich sein, das lange, staunende Blinzeln eines neugeborenen Geckos in der Sonne zu betrachten oder dem Murmeltier, das uns gerade ins Ohr geflüstert hat, etwas zurückzuflüstern - ohne dabei ans World Trade Center und an Afghanistan zu denken? weltwoche 44/01 Aus dem Englischen von Thomas Bodmer